Mittwoch, 20. September 2017
Dem Stress beim Hund auf der Spur (von Wolf Steiger)
Nicht nur wir Menschen, Hundehalter, Sport- und Diensthundeführer sind Stress ausgesetzt, sondern in vermehrtem Mass auch unsere Hunde. Die Stressforschung und –therapie bei Hunden ist erst neueren Datums. Eine junge Tierärztin in Basel hat sich diesem Problem besonders gewidmet.

Gabrielle Scheidegger-Brunner, Tierärztin und Inhaberin der Kleintierpraxis Sevogel in Basel hat schon mit sechs Jahren ihren ersten Hund bekommen. Obwohl die Eltern ihr lieber ein Häschen oder Meersäuli geschenkt hätten. So entstand schon früh, wie sie sagt, eine enge Bindung zu Hunden.

Während des Studiums unterbrach sie die Ausbildung für ein Jahr und beschäftigte sich professionell mit dem Schlittenhundesport. Diese Zeit hat sie sicherlich geprägt, wie sie meint. Sie erlebte, dass es nicht einfach alles sein konnte, einem Hund Spritzen zu geben wenn er Schmerzen hatte, sondern dass man ihn auch schonender und nachhaltiger mit Hundephysiotherapie behandeln konnte. Nach ihrem Studium war sie daher zur Weiterbildung in der Hundephysiotherapie noch an der Universität Maison Alfort in Paris.
Ihre moderne Kleintierpraxis ist heute spezialisiert auf: Sport- und Gebrauchshundemedizin, Stress-Therapie und Physiotherapie. Gabrielle Scheidegger-Brunner arbeitet mit ihrer dreijährigen Malinois-Hündin «Genius» im Schutz. Die Hündin hatte als Welpe eine Hirnhautentzündung. Sie musste mit der Flasche aufgezogen werden und ist noch heute sehr stressanfällig.

Zum Problem Stress und Stressbewältigung stellt HUNDE Gabrielle Scheidegger-Brunner einige Fragen, die uns helfen sollten, Stress bei Hunden zu erkennen und damit umzugehen.

Hunde: Wie definieren Sie Stress?

Stress ist ein übererregter Zustand. Der Körper reagiert auf verschiedene Stressoren. Nach der Wahrnehmung der Stressreize reagiert der Körper mit einer Hormonausschüttung. Der Blutdruck steigt. Der Herzschlag sowie die Atmung beschleunigen sich. Die Durchblutung der Skelettmuskulatur verstärkt sich. Der Körper ist auf alles vorbereitet: Flight or Fight – Flucht oder Kampf.

H: Was versteht man unter Stressoren?

Stressoren nennt man alle Reize und Belastungen, die - auch bei unseren Hunden - zu Stressreaktionen führen können. Es sind die psychischen Reize wie Angst und Freude – aber auch physikalische Reize wie Kälte oder Hitze, chemische Reize wie Gifte, biologische Reize Entzündungen und Infektionen, Krankheiten und abschliessend physiologische Reize, die von körperlicher Belastung und Schmerzen herrühren können.

H: Woher rührt ihr Anliegen, Stress bei Hunden zu untersuchen?

Auf vielen Ausbildungsplätzen sieht man gestresste Hundeführer und daher natürlich auch gestresste Hunde. Dies, weil man das Problem nicht erkennt und leider dadurch nichts dagegen unternehmen kann. Zudem habe ich selber einen enorm stressanfälligen Hund und musste lernen, damit umzugehen und gute Wege zur Therapierung zu finden. Daher ist es mein Hauptziel, Hundehaltern und Züchtern mehr Wissen über ihren gestressten Vierbeiner zu vermitteln. So können sie früher erkennen, was in ihrem Hund vorgeht und dementsprechend richtig und gezielt vorgehen. Nur so kann das Team aus dem Teufelskreis herausfinden.

H: In der neuen Literatur findet man nicht viele Arbeiten, die Stress bei Tieren behandeln. Warum?

Wolfsforscher wie Ziemen oder Ménatory haben sich intensiv damit beschäftigt insbesondere auch mit dem sozialen Stress, aber sie sind eher naturbezogen und publizieren weniger.

H: Welche Stressarten können wir auch beim Hund unterscheiden?

Es geht nicht nur um den negativen Stress, den so genannten DYSTRESS, sondern auch um den positiven EUSTRESS, der uns und unsere Hunde zu Maximalleistungen beflügeln kann. Diese Art Stress ist stimulierend und hilft unter anderem beim Lernen von neuem. Eustress wird bei uns als «Kick» empfunden besonders bei Freizeitvergnügen wie Fallschirmspringen, Tauchen oder Riverrafting.

H: Was ist denn so schädlich am Stress für Mensch und Tier?

Entscheidend ob ein Stress von Eu- zu Dystress werden kann, bestimmt die Dosis und die Dauer wie lange der Stressor auf ein Individuum einwirkt.

H: Würden Sie uns das bitte genauer erläutern?

Ja, bei schwacher oder nur selten anfallender Belastung kehrt der Organismus rasch wieder zum Normalzustand zurück. Wird Mensch oder Hund jedoch lange und sehr schweren Belastungen ausgesetzt, verändert sich der psychologische Zustand des Körpers. Die immunologische Widerstandskraft, ja sogar die Fruchtbarkeit sinkt.

H: Reagieren alle Hunde gleich auf Stressbelastung?

Nein. Die Fähigkeit auf einen Stressor zu reagieren und damit umzugehen ist von Hund zu Hund verschieden stark ausgeprägt. Genetik, Sozialisierung und Haltung im Familienrudel spielen auch bei der Stressbewältigung eine grosse Rolle.

H: In wie fern ist der Umgang mit Stress genetisch bedingt?

Rasse, Zuchtlinien und direkte Elternpaarung sind von Bedeutung. Man nimmt an, dass ungefähr 30 Prozent der Stresstoleranz vererbt wird. Täglich kann ich Hunde in der Tierarztpraxis beobachten, die wirklich in Stress geraten.

H: Ist nicht auch die Sozialisierung und eine gut verlaufene Prägungsphase hilfreich gegen Stress?

Schon der Welpe lernt, dass es im Leben Stressoren gibt. Er eignet sich ein Bild an, was für ihn normal ist oder nicht. Der Hund sollte schon früh lernen Umweltreize wahrzunehmen. Viele Lücken die im Welpenalter entstehen, können nach der Prägungsphase nicht mehr geschlossen werden. Der Welpe orientiert sich an der Stressdisposition der Mutterhündin, reagiert sie schreckhaft auf Reize und Stress, dann wird er es nachahmen.

H: In wieweit vermitteln Haltung und klare Rudelstrukturen Sicherheit?

Der Hund wird bei klaren Rudelstrukturen mit gefestigter Rangordnung sicher eine höhere Belastung manifestieren können. Werden Rudelführer in einer Situation schnell die Fassung verlieren, wird es bald der Hund auch tun. Bleibt der Hundeführer dagegen cool, wird sich auch der Hund sicherer fühlen und weniger stressanfällig sein.

H: Was raten Sie einem Hundeführer mit stressgeplagtem Hund?

Wenn der Hund öfters und rasch in Stressreaktionen fällt, sollte der Hundeführer mit ruhigem, bestimmtem Umgang die Nerven seines Hundes stützen. Der Hund sollte stereotype Abläufe, Aufgaben und Strukturen in seinen Tagesplan erhalten. Alle Übungen sollten gleichmässig ritualisiert ablaufen. Das ruhig Wiederkehrende wird für den Hund vorausschaubar, das gibt ihm Sicherheit. Wichtig sind gleiche Kommandos wie Hör- und Sichtzeichen, gleiche Reihenfolge, gleiche Ausführung. Bei Übungen notfalls einen Lernschritt zurückgehen und wieder beginnen.

H: Sind mit der Flasche aufgezogene Welpen später stressanfälliger?

Den Erfahrungswerten nach: ja. Beim Säugen wird von der Mutter ein Geruchshormon ausgeschüttet, das auf den ganzen Wurf übergeht. Durch den spezifischen Geruch lassen sich Mutter und Geschwister erkennen und beruhigen. Häufig schlafen dann die Welpen ein, das Hormon bewirkt ein Glücksgefühl und beruhigt.

H: Könnte das auch bei der Stresstherapie für Hunde angewendet werden?

Ja es gibt Stecker, die an Steckdosen angeschlossen werden können, um dann ein künstlich hergestelltes Geruchshormon freizusetzen. Hunde und Katzen die so behandelt werden, suchen ihren Schlafplatz interessanterweise meistens in nächster Nähe der Steckdose. Das Geruchshormon bietet ihnen Sicherheit und Behaglichkeit.

H: Wo würde ich einen guten Stress-Therapeuten für meinen Hund finden?

Das Universitäts-Tierspital in Zürich Tel. 01 635 81 11 führt einen kompetenten Beratungsservice. Aber ich glaube, mittlerweile arbeiten die meisten Tierärzte mit ausgewiesenen Tier-Psychologen zusammen. Gerne stehe ich Ihnen für mehr Infos unter gbrunner@sporthundemedizin.ch zur Verfügung.


Legenden:

1 Stress ist ein übererregter Zustand. Der Körper reagiert auf verschiedene Stressoren mit einer Hormonausschüttung.

2 Schon der Welpe lernt, dass es im Leben Stressoren gibt. Er eignet sich ein Bild an, was für ihn normal ist oder nicht.

3 Es ist der Eustress, der uns und unsere Hunde zu Maximalleistungen beflügeln kann.

4 Die Fähigkeit auf einen Stressor zu reagieren und damit umzugehen ist von Hund zu Hund verschieden.

5 Wenn der Hund öfters rasch in Stressreaktionen fällt, sollte der Hundeführer mit ruhigem bestimmtem Umgang die Nerven seines Hundes stützen.


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